Kein Mensch ist aus Asphalt
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KURT

 

"Der Tag, an dem meine Frau gestorben ist,
da bin auch ich gestorben."

 

Kurt ist 51 Jahre alt und seit 2015 wohnungslos. Dass er auf der Straße landen würde, daran habe er im Traum nicht gedacht. Sein Leben ist an einem Tiefpunkt angelangt.

Klar, sagt Kurt, wie so viele stamme auch er aus schlechtem Elternhaus. "Ich hab mehr Schläge wie zu Fressen gekriegt", erzählt er. So werden wie seine Eltern wollte er nie, er baute sich ein besseres Leben auf. Auch wenn das eine oder andere Bierchen zu viel nicht hätte sein müssen, vor elf Jahren lebte er ein Leben, das er gern hatte. Heike war seine Traumfrau, Sohn Mark machte das Familienglück perfekt.    

Eines Tages verließ Heike das Haus und kam nicht wieder. Ein Hirnschlag ließ sie auf der Straße zusammensacken und nicht mehr aufstehen. Kurt bekommt heute noch Gänsehaut, wenn er daran zurückdenkt. "An diesem Tag bin auch ich gestorben", erzählt er mit zittriger Stimme, den Kopf gesenkt. Seinen Sohn gab er zu Pflegeeltern, weil er wusste, er würde nicht gut für ihn sorgen können. Bis heute hat er keinen Kontakt zu ihm.    

 

"Welcher Mensch geht denn für 80 Cent die Stunde arbeiten?"

 

Mit dem Tod seiner Frau begann eine tiefe Abwärtsspirale, aus Alkohol, Betrügereien, Knast und Kampf. "Duisburg ist ein Nest. Da fällt man schnell auf was rein." Dort sei es viel krimineller zugegangen als in Berlin, weiß er heute. Dem Pott hat er deshalb den Rücken gekehrt. 

Vier Jahre hat er im Knast gesessen, den Kopf tief hängen lassen. Nachdem er dort für 7 Euro die Stunde im Gartenbereich arbeiten konnte, sich ausbilden ließ, ging er optimistisch in die Freiheit zurück. Er wollte es fortan besser machen. Der Besuch beim Arbeitsamt brachte jedoch Ernüchterung. "Die haben mir Maßnahmen für 80 Cent die Stunde angeboten! Welcher Mensch geht denn für 80 Cent die Stunde arbeiten?" Kurt wird laut, ist immer noch sauer. "Die sagen, ich soll arbeiten gehen, aber ich lass mich so nicht unter Druck setzen."

 

"Die Blicke sind das schlimmste.

Diese herabwürdigenden Blicke."

 

Mit Nachdruck beteuert er, dass er nun auf eigene Faust sucht. Kurt ist sich sicher, wenn man ganz unten ist, kann es nur noch aufwärts gehen. Mittlerweile trinkt er nur noch 6 bis 7 Bier am Tag. Für ihn ein gewaltiger Fortschritt in Richtung Therapie. "Gib mir ein Zimmer mit Schlüssel, danach schaffe ich alles andere!", ist er sich sicher. Die Straße lasse ihn manchmal vergessen, dass er noch ein Mensch ist. Zum Schnorren muss er jeden Tag erneut größte Überwindung aufbringen. "Die Blicke sind das Schlimmste. Diese herabwürdigenden Blicke", erklärt er. Auch das Verhalten untereinander treibe ihn mehr und mehr in ein neues Leben. "Man beklaut dich, verprügelt dich und gönnt dir nichts! Du brauchst ja echt nicht viele Freunde auf der Straße, aber einen." Das sei nicht leicht, doch Kurt hat mittlerweile einen verlässlichen Freund gefunden. "Der hat mich von der Brücke gezogen, als ich springen wollte, und mir dafür richtig eine verpasst. Das vergesse ich ihm nie!", sagt er mit feuchten Augen.

Heute träumt er davon, mal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen. Das Fotografie-Projekt, so sagt er, gebe ihm ein Stück seiner Würde zurück und sei ein Schritt in die richtige Richtung.