Kein Mensch ist aus Asphalt
KLAUS_B (0-00-00-00)-v2.png

KLAUS

KLAUS_W (0-00-00-00)-v3.png
 

"Ohne die Wende wäre ich heute ein reicher Mann."

 

Klaus lebt seit über 20 Jahren auf der Straße. Lange braucht man nach ihm nicht zu suchen. Hat er sich nicht gerade in den sozialen Einrichtungen am Stammtisch niedergelassen, so regiert er den Bahnhof Gesundbrunnen wie ein Königreich. "Hier kennen sie mich alle", prahlt er und breitet die Arme aus, als wäre die Metallbank hinter ihm ein Bett mit seidenem Bezug. Beim Bäcker gegenüber hat er früher mal gearbeitet. Heute kriegt er dort hin und wieder ein heißes Getränk gratis, manchmal bringen sie ihm auch eine heiße Bockwurst vorbei. Die Obdachlosenszene weiß, dass der Gesundbrunnen Klaus' Revier ist und trotz einer Körpergröße von gerade mal 1,70 Meter haben sie vor ihm Respekt. "Mich braucht keiner angehen", bauscht sich Klaus auf, die Fäuste ballend, "ich verpass' jedem eine, der sich mir nähert!" Mit 'Klausi', so bestätigen die anderen, legt man sich besser nicht an.

 

"Abschalten und Frust runtersaufen.

Bis dir dein Leben egal ist."

 

Seine Zähne haben lang keinen Zahnarzt mehr gesehen. Wenn er lacht, versucht er sie nicht zu zeigen. Klaus nimmt nicht mehr an, was der Staat noch für ihn übrig hat, es sei denn es ist hochprozentig. "Der Staat hat mir alles genommen", blickt er heute noch immer wütend zurück. "Als die Wende kam, war bei mir alles weg. Kiosk weg. Frau weg. Kind weg. Auto weg." Für "uns Ossis" war im neuen Deutschland kein Platz mehr. 60.000 Mark habe Klaus damals auf dem Konto gehabt, geblieben ist ihm nichts. "Eine Wohnung zu finden war kurz nach der Wende in Rostock nahezu unmöglich", erzählt er. "Und wenn die Familie weg ist, bleibt dem Mann in seiner Trauer nur eines: die Kneipe." So macht er es heute auch noch. Abschalten und Frust runtersaufen, wie er sagt. "Bis dir selbst dein Leben egal ist." Klaus wird kurz nachdenklich. Es sei das Schlimmste an der Straße, dass es niemanden gibt, den es kümmert, ob du noch lebst. Dabei pflegt er guten Kontakt zu seiner Tochter. Seine Emotion schlägt in Wut um. "Ich hab in meinem Leben so viele Jobs gemacht, aber das System gibt einem nichts. Der Staat soll mich endlich wieder fordern! Ich bin gelangweilt, ich will endlich wieder gefordert werden!", schreit er und nimmt noch einen kräftigen Schluck.

 

"Am Abend bist du immer wieder allein."

 

Klaus ist heute 54 Jahre alt, über das Alter denkt er schwermütig nach. Die Straße wird mit zunehmenden Gebrechen schwieriger zu wuppen sein, ist er sich sicher. Er hat viele Bekannte, sogar einige Freunde - das ist viel, schließlich könne man kaum jemandem trauen. Jenen Leuten, die sich ihm gegenüber fair verhalten, hilft er aufopferungsvoll. So manch einen hat er schon vor dem Suizid bewahrt. Doch "am Abend bist du immer wieder allein. Körperlichkeiten, eine Umarmung, davon traut man sich gar nicht mehr zu träumen." Klaus senkt den Kopf. Ein großer Schluck Wodka schenkt ihm seine gewohnte Unterhaltungskunst zurück. Kein Wunder, dass er am Gesundbrunnen eine Marke ist. Diesen kleinen Mann kann man nur schwer übersehen. Er lüftet seine Kappe und verbeugt sich.