Kein Mensch ist aus Asphalt
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HANNES

 

"Spielen ist schlimmer als Heroin.

Du brauchst nicht mal Stoff, es macht einfach klick."

 

Hannes ist spielsüchtig, seitdem er neun ist. Sein Leben, so seufzt er, das könne man nicht so einfach zusammenfassen. Mit neun Jahren ging es an den Spielautomaten und von dort auch nirgendwo anders mehr hin. "Ich hab eigentlich alles verspielt, was ich hatte", weiß er. "Auch wenn ich das Haus nicht hätte verzocken müssen." Die "Spielkrankheit" werde von Menschen häufig unterschätzt. "Die ist schlimmer als Heroin", wird er laut, "du brauchst nicht mal Stoff, es macht einfach klick!" 

Hannes spricht stark bayrisch, er ist noch nicht lang in Berlin. Wollte wohl mal etwas Neues sehen, oder auf das breite Angebot sozialer Einrichtungen zurückgreifen. Die Geschichten anderer Obdachloser kann er sich vorstellen. "Es sind doch immer irgendwie gescheiterte Beziehungen. Das hab ich als Handwerker schon häufig beobachtet, wie schnell sowas geht."

 

"Die Krätze macht mich wahnsinnig. Und kein Arzt tut was!"

 

Hannes ist bipolar, leidet unter manischer Depression. Momentan ist er am Ende, kratzt sich permanent die Kopfhaut blutig. "Krätze", sagt er. "Und kein Arzt tut was!" Er wird laut. Aus Verzweiflung. Straße hin oder her, die Krätze treibe ihn in den Wahnsinn. Er könne nicht mehr schlafen, habe keine ruhige Minute mehr. 

Dabei war Hannes einst voller Lebensfreude. Er ist Musiker, spielt viele Instrumente. Vor allem aber Schlagzeug. In der Berliner Obdachlosenszene kennt man "den Trommler aus Bayern". Er spielt auf Mülleimern, auf Bankautomaten. Man sieht ihm seinen kreativen Geist an. Er sticht optisch raus aus der Masse, hat Kuscheltiere an sein Fahrrad gebunden, einen Globus-Ball dabei. Seine Kleidung könnte als Berliner Hipster-Chic durchgehen. Sagt man ihm das, rümpft er die Nase. "Ah, komm mir doch nicht mit so nem Schmarrn!" Dann, hin und wieder, ein kleines Lächeln. Es verrät aber nicht, was ihn gerade amüsiert.  

 

"Das Schlimmste ist nicht das Schlafen, sondern das permanente Draußen sein!"

 

Was soll er schon über das Leben auf der Straße erzählen, momentan habe er ja ein Dach über dem Kopf, wenn auch kein eigenes. "Es ist nicht das Schlafen, was einen fertig macht. Sondern das permanente Draußen sein!" Zwölf Stunden habe man zu überbrücken, dann wird es im Schlafsack wieder warm und man kann sich an einen anderen Ort träumen. Der Moment des Aufwachens bringt die unerwünschte Ernüchterung. Dann geht, so Hannes, das Vegetieren von vorne los. "Man kann sich gar nicht vorstellen, was es heißt, jeden Tag immer draußen zu sein." Er ist genervt. Gewaltig, wie er betont.

Pessimistisch scheint Hannes in die Zukunft zu schauen, denn momentan ist ihm alles egal, er will einfach nur seine Krätze loswerden. Er ist sich sicher: nst geht es mit ihm bald zu Ende.