Kein Mensch ist aus Asphalt
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CLAUDIA

"Brechen deine sozialen Eckpfeiler weg, bist du nicht nur mit dir,

sondern mit allem überfordert."

 

Claudias Eltern starben, als sie ihr Studium abgeschlossen hatte, der Freund verließ sie. Dabei war sie doch ausgerechnet wegen ihrem sozialen Netzwerk wieder zurück in ihre Heimat, nach Berlin gekommen. Obwohl sie in Darmstadt Arbeit im gehobenen Postdienst gefunden hatte und sich in Berlin keine Aussichten boten, kam sie mit Mitte 20 zurück. "Auch wenn ich zwar den Verwaltungswirt gemacht hatte, wollte ich immer lieber etwas mit Medien machen", erzählt sie heute noch mit einem kleinen Leuchten in den Augen. "Morgens um Acht auf dem Amt sitzen, das war nichts für mich."

 

"Ich hatte einfach keine Kraft mehr und hab mich entschieden,

dem Staat gar nichts mehr zu geben."

 

Doch mit dem Verlust der Eltern und dem Ende der Liebesbeziehung saß Claudia plötzlich auf der Straße, kam hier und da bei Leuten unter. "Ich war in der Zeit sehr depressiv, konnte gar nichts", erinnert sie sich. Ein eigentlich banales Ereignis kommt ihr heute noch wie das schlimmste vor: "Ich fuhr mit dem Fahrrad nachts über zwei rote Ampeln, ohne jemanden zu gefährden. Aber die wollten 120 Euro Bußgeld von mir!" Sie fährt auf. "Die haben mich von keiner Seite mehr in Ruhe gelassen. Ich hatte einfach keine Kraft mehr und hab mich entschieden, dem Staat gar nichts mehr zu geben."

 

"Es gibt doch tausend Möglichkeiten, wo man sich duschen kann."

 

Die Ämter, für die sie sich einst ausbilden ließ, wurden Claudias schlimmsten Feinde. "Ich fing an zu trotzen und trug keinen festen Wohnsitz mehr ein." Seitdem lebt sie mal hier und mal dort. Erklärt, dass man nicht wirklich auf der Straße sitzen muss. Die diversen Einrichtungen haben immer einen Schlafplatz. Hygiene, so erzählt sie, sei das Wichtigste. Ohne die könnte sie das alles nicht. "Ich verstehe nicht, warum sich so viele gehen lassen. Es gibt doch tausend Möglichkeiten, wo man sich duschen kann." Bei der Kleiderausgabe am Alexanderplatz fällt Claudia auf, wirkt nicht wie eine Obdachlose. "Manchmal hat man auch einfach Glück mit den Klamotten." Sie zwinkert den Sozialarbeitern zu. 

Claudia ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle "Asis" seien. Sie habe einige tolle Bekanntschaften auf der Straße gemacht. Kulturinteressierte, die vielleicht einfach ein bisschen Pech hatten im Leben. 

Psychisch ist Claudia momentan in einer weniger guten Verfassung. Zwei Männer, ein Fahrradunfall und Probleme bei der Jobsuche machen es ihr gerade nicht leicht. Die Depression kommt wieder. In Schüben. Wie üblich. 

 

"Es gibt auch hygienische, gebildete,

eben funktionierende Obdachlose. Wie mich."

 

Wirklich "Platte machen", wie das Schlafen auf der Straße in der Szene heißt, musste Claudia nicht oft. Es käme auch nicht mehr in Frage. "Das geht sowieso nur, wenn man einen Mann an der Seite hat", weiß die heute 45-Jährige. Während des Gesprächs kommt sie mehrfach darauf zurück, dass es eben auch hygienische, gebildete bzw. "funktionierende" Obdachlose gibt. So wie sie.

Ihr Potenzial möge man nur endlich erkennen und sie einstellen.

An Erfahrungen, wer könnte es bezweifeln, mangelt es ihr nun wirklich nicht.